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Mit Diabetes in die weite Welt

Susanne Löw hat mit ihrem Typ-1-Diabetes schon mehr als 50 Länder bereist. Ihre Erfahrungen teilt sie auf ihrem Blog „Zucker im Gepäck“, für den sie den Medienpreis der Deutschen Diabetes Gesellschaft erhielt. Und jetzt gibt es Susannes Löws Reiseberichte auch als Buch. Wir sprachen mit der Hamburger Journalistin über das Reisen mit Diabetes.

Mit Diabetes in die Ferne reisen, Frau Löw, damit kennen Sie sich bestens aus. Worauf kommt es besonders an?

Egal ob fern oder nah, die Herausforderungen sind bei jeder Reise mit Diabetes dieselben. Es geht darum, ausreichend Insulin und Material dabeizuhaben und für den Notfall gerüstet zu sein. Und darum, die Zeitverschiebung zu berücksichtigen.

Seit wann haben Sie Typ-1-Diabetes?

Die Diagnose bekam ich 2002 während des Studiums. Da war ich erstmal für ein paar Tage deprimiert. Aber noch im Krankenhaus las ich in einer Zeitschrift den Reisebericht einer anderen Typ-1-Diabetikerin, der mich sehr motiviert hat. Trotz der Erkrankung reisen und darüber schreiben – genau das wollte ich auch. Viel gereist bin ich schon immer, aber seit ich Diabetes habe, reise ich extremer und weiter. Ich sage mir: jetzt erst recht.

Was war Ihre erste größere Tour nach der Diagnose?

Ich habe ein Semester Auszeit genommen und bin mit einer Freundin durch Spanien gefahren. Damals war ich noch recht unentspannt und hatte alles in vierfacher Ausführung dabei. Ein Notfallset trug auch meine Freundin im Rucksack, das hat sich gleich bewährt, weil mir im Getümmel von Valencia das Messgerät geklaut wurde. Deshalb gebe ich heute immer noch ein Set an meine Begleitung. Wenn ich allein reise, dann bunkere ich – sofern möglich – Vorräte in einer Unterkunft, wenn dieser Ort auch auf meiner späteren Reiseroute liegt.

Und Ihre erste Fernreise mit Diabetes, wohin ging die?

Nach Kanada über Silvester, bei minus 15 Grad Außentemperatur. Wegen der Kälte war ich besorgt um mein Insulin und habe den Pen in der Innentasche der Winterjacke getragen, zusätzlich verpackt in einer kleinen Alutasche. Heute habe ich eine Insulinpumpe und verwende für das Ersatzinsulin Isoliersysteme von FRIO. Die kühlen das Insulin über mehrere Tage, brauchen keinen Strom und bewähren sich auch bei Dschungeltrips, wo es keine Chance auf einen Kühlschrank gibt.

Curry, Sushi, Tortilla: Wie finden Sie in fernen Ländern heraus, was die einheimischen Speisen enthalten?

Gar nicht, ich recherchiere das nicht im Vorfeld. Ob Blinis in Polen oder frittierte grüne Muscheln in Neuseeland – ich probiere einfach mit Mut, Gelassenheit und dem geschulten Augenmaß. Die Kohlenhydrate schätze ich ab und nach ein bis zwei Stunden sehe ich am Blutzucker, ob ich nachspritzen muss. Durch meine Pumpe bin ich bei der Ernährung flexibel, ich kann den Blutzuckerspiegel damit komfortabel korrigieren.

Haben Sie unterwegs schon einmal einen Arzt gebraucht?

Zum Glück nicht, ich konnte alle Probleme ohne Fremdhilfe lösen. In Regionen mit größerer Sprachbarriere, wie China oder Nepal, ist es aber gut, das Wort „Diabetes“ in der Landessprache zu beherrschen. Diabetes kennt man auf der ganzen Welt, aber viel Wissen gibt es darüber nicht überall. Oft wird zum Beispiel Typ 1 und Typ 2 verwechselt. Doch genau wie zuhause ist man als Diabetiker auch unterwegs selbst für den Diabetes verantwortlich. Es handelt sich ja um eine Selbstmanagement-Erkrankung.

Wo war es bisher am schönsten?

In Sri Lanka, da erinnere ich mich gerne an die Currys und das frische Obst, die spektakulären Landschaften mit Plantagen und Bilderbuchstränden, an exotische Tiere und die freundlichen Menschen. Mein Lieblingskontinent ist aber eindeutig Südamerika. Da mag ich Land, Leute und die Mentalität.

Wie transportieren Sie Ihr Insulin im Flugzeug?

Im Handgepäck, da gehe ich auf Nummer sicher. Oft heißt es ja, der Frachtraum der Flugzeuge sei für Insulin ausreichend beheizt. Ich persönlich verlasse mich darauf nicht, zumal ein Koffer auch mal verloren gehen kann. Das Insulin packe ich in einem Frio-Kühlsystem in einen isolierten Kaffeebecher, darin ist es zugleich vor Stößen geschützt, und den Becher in das Handgepäck.

Was ging Ihnen im Zusammenhang mit dem Diabetes unterwegs mal gründlich schief?

In Dubai hielt man mich einmal auf dem Flughafen offenbar für gefährlich und man hat mich kurz weggesperrt. Damals trug ich eine Pumpe mit Katheter und der Sicherheitsbeamte verstand meine Erklärung nicht. Oft ist der Diabetes unterwegs aber auch ein Türöffner, es gab dadurch viele lustige Begegnungen. Den Sensor meines Glukosemessgeräts trage ich beispielsweise sichtbar am Oberarm und ich werde oft darauf angesprochen. Ein Hotelmitarbeiter in Ägypten wollte zum Beispiel wissen, ob das ein Verhütungsmittel ist.

Was empfehlen Sie Diabetikern, die sich an ihre erste Fernreise wagen?

Lassen Sie sich nicht vom Diabetes die Reiselust nehmen. Pumpenträgern empfehle ich, eine Ersatzpumpe dabeizuhaben, die muss man rechtzeitig beim Hersteller bestellen. Nehmen Sie auch Ihre Basalrate mit, um sie gegebenenfalls schnell programmieren zu können. Das Zertifikat vom Arzt ist wichtig für den Transport der Utensilien und auch der Beipackzettel vom Insulin kann nützlich sein. Dann wissen Sie unterwegs genau, welches Präparat Sie im Notfall brauchen. Auch den landesüblichen Namen Ihres Insulins sollten Sie kennen.

Wohin geht Ihre nächste Reise?

Ich freue mich darauf, nach den Corona-Zeiten einen guten Freund in Marseille zu besuchen. Und irgendwann will ich nochmal nach Indien. Ein indischer Freund ist in meinem kürzlich erschienenen Buch „Zucker im Gepäck“ zu sehen und ich habe versprochen, ihm eines Tages ein Belegexemplar persönlich vorbeizubringen.

 

 

Die Journalistin Susanne Löw lebt in Hamburg. Mit ihrem Typ-1-Diabetes hat sie schon über 50 Länder bereist. Über ihre Erfahrungen berichtet sie in verschiedenen Zeitungen und auf ihrem Blog „Zucker im Gepäck“. Dazu erschien im Frühjahr 2020 ihr Buch „Zucker im Gepäck – Reisen mit Diabetes“ im Kirchheim Verlag.

 

Interview: Eva Kröner

Fotos: Anke Bewert, Theresia Gläser, Michaela Eger