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Interview: Warnhunde für Diabetiker

Warnhunde können nicht nur Menschen mit Sehbehinderung oder Epilepsie unterstützen, sondern auch bei Diabetes helfen. Wie das funktioniert, erfuhren wir von Luca Barrett. Die Osnabrückerin hat viele Jahre Warnhunde für Diabetiker ausgebildet. Wir sprachen mit ihr über geeignete Rassen und die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Frau Barrett, als Trainerin haben Sie mit über 5000 Hunden gearbeitet. Können Sie aus jedem Hund einen Diabetes-Warnhund machen?

Nein, dafür braucht es zwei Voraussetzungen: Der Hund muss vom Wesen her aggressionslos, freundlich und gelassen sein. Und er muss seine Aufmerksamkeit ganz auf den Diabetiker richten, ohne sich ablenken zu lassen. Das können nur Hunde, die sehr sensibel und auf den Menschen bezogen sind. Diese Fähigkeit ist angeboren, sie lässt sich nicht lernen.

Wie finden Sie heraus, welche Hunde sich eignen?

Wir Trainer sichten Würfe und führen mit den Welpen über 60 verschiedene Tests durch. Auch bei erwachsenen Hunden können wir prüfen, ob eine Ausbildung zum Warnhund möglich ist.

Braucht es dafür eine bestimmte Rasse?

Grundsätzlich können alle Rassen und Mischlinge warnen. Unter Deutschen Schäferhunden, Collies, Australian Shepherds oder Labradoren gibt es mehr Warnhunde als bei anderen. Aber auch da sind längst nicht alle Welpen geeignet. Wir sichten etwa vier bis fünf Labradorwürfe, bis wir einen Warnhund finden. Bei Schäferhunden und Collies sind es etwa drei Würfe.   

Wie können Sie einem Hund beibringen, zu warnen?

Gar nicht, ein Warnhund warnt von selbst. Der Mensch muss lernen, die Warnung zu erkennen, das ist die größte Schwierigkeit. Zuerst beobachten wir den Hund und finden heraus, wie er sich verhält, wenn der Blutzuckerwert stark sinkt oder steigt. Das kann sein: Pfote auf den Diabetiker legen, ihn anspringen, anstupsen oder bellen. Der Hund zeigt immer dasselbe Verhalten, aber jeder Hund macht es anders. Und dann wird belohnt: Für jede Warnung gibt es ein besonderes Leckerli oder ein Spiel. So fördern wir das Verhalten des Hundes.
 

Zu der Arbeit mit Warnhunden kamen Sie nicht zufällig. Sie sind selbst Typ-1-Diabetikerin und leiden unter einer Hypo-Wahrnehmungsstörung.

Ja, mein Diabetes ist sehr instabil. Der Blutzucker kann blitzschnell absinken und ich bemerke nicht, wenn die Unterzuckerung kommt. Dadurch war ich früher im Alltag stark eingeschränkt. Ich musste sogar mein Lehramtsstudium unterbrechen und war auf der Suche nach einer Lösung.

Wie haben Sie die gefunden?

2006 erfuhr mein Mann durch eine amerikanische Fernsehsendung von Diabetes-Warnhunden, das gab es in Deutschland damals noch nicht. So einen Hund wünschte ich mir, kam aber nicht heran. Deshalb beschloss ich, mir selbst einen Warnhund auszubilden. Meinen Finn habe ich aus einer spanischen Tötungsstation geholt und ihn trainiert. Mit ihm war ich in der Lage, wieder ein normales Leben zu führen. Ich konnte angstfrei aus dem Haus gehen und hatte keine Krampfanfälle mehr im Supermarkt. Mein Blutzucker ist nie wieder unter 60 gefallen, weil Finn mich frühzeitig gewarnt hat.

Heute arbeiten Sie beruflich mit Diabetes-Warnhunden. Wie wurde aus dem Projekt ein Job?

Eigentlich wollte ich nur einen Hund für mich selbst anlernen, aber dann sprach es sich herum und es kamen viele Anfragen. So viele, dass ich mein Studium abbrach und mich zur Hundetrainerin ausbilden ließ. Ich gründete das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum, das heute Hunde in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz trainiert – an mehreren Standorten und mit über 100 Trainern. Ich selbst bilde mittlerweile nicht mehr aus, beteilige mich aber noch an Studien und bin als Fachautorin tätig.

Wie lange dauert die Ausbildung zum Warnhund?

Sie beginnt mit neun Wochen, wenn der Welpe beim Diabetiker einzieht, und dauert etwa 18 bis 24 Monate. Dann legen die Hunde eine Prüfung ab.

Und wenn die Prüfung bestanden und der Hund ein Warnhund ist: Wie zuverlässig zeigt er Unterzuckerungen an?

Sehr zuverlässig. Aber es kommt vor, dass Hunde nach sehr anstrengenden Tagen auch mal erschöpft sind. Wenn der Hund bei einer großen Geburtstagsfeier schon drei Hypos angezeigt hat, dann ist er bei der vierten vielleicht einfach zu platt.

Welche Diabetes-Patienten brauchen überhaupt einen Warnhund?

Für Diabetiker mit Hypo-Wahrnehmungsstörung sind Warnhunde eine große Hilfe. Allerdings bieten sich heute auch andere Hilfen: Seit es die tollen Messsysteme mit CGM und FGM gibt, ist kein Diabetiker mehr auf Warnhunde angewiesen. Da muss jeder für sich selbst entscheiden, ob der Aufwand für einen Hund noch gerechtfertigt ist – gerade bei Kindern mit Diabetes.

Eignen sich Warnhunde etwa nicht für Kinder?

Ich sage nicht, dass man für Kinder nicht ausbilden soll. Aber ein Warnhund ist ein Wesen mit eigenen Bedürfnissen und muss 24 Stunden am Tag beim Diabetiker sein. Oft möchte ein Kind den Hund nicht überall mitschleppen, zu Freunden, zu Übernachtungen, in die Schule. Da ist ein Messgerät mit Alarmfunktion einfacher.

24 Stunden am Tag? Das ist ja auch für Erwachsene eine Herausforderung.

Ja, Warnhunde sind extrem anhänglich. Sie können eine Trennung nicht ertragen, öffnen dann Türen und springen über Tore. Eine Kundin von mir zum Beispiel hatte einen neuen Mann kennengelernt und wollte mit ihm alleine sein – das ging nicht, weil ihr Hund vor dem Schlafzimmer die ganze Zeit gebellt hat. Sowas schränkt das Leben schon mehr ein als eine normale Hundehaltung. Weil man mit dem Warnhund so stark verbunden ist. Das muss auch so sein, denn der Hund hat ja gelernt, immer auf den Menschen zu achten. Er folgt einem auf Schritt und Tritt, man hat keine freie Minute mehr. Dazu muss ich als Halter einfach bereit sein.

Luca Barrett ist Hundetrainerin und hat Typ-1-Diabetes. Ihren eigenen Hund Finn holte sie aus einer spanischen Tötungsstation und bildete ihn zum Diabetes-Warnhund aus. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr warnte er Luca Barrett zuverlässig vor Unterzuckerungen.



Interview: Eva Kröner

Foto: iStock / Jasmina007